Das "Selbstwertgefühl" ist zu einem Schlüsselbegriff der Populärpsychologie geworden. Menschen mit ausgeprägtem Selbstwertgefühl traut man alles zu: Sie sind die besseren Schüler, Auszubildenden, Mitarbeiter, sie verkaufen mehr, haben die attraktiveren Partner...

Selbstwert - kein Gefühl, sondern Organisator von Gefühlen

Das Karussell

Viele psychische Krankheiten beruhen auf einer fundamentalen Störung der Selbstwert-Erfahrung. Im Extremfall schwanken sie zwischen grandiosen Überwertigkeits- und abgrundtiefen Minderwertigkeitsgefühlen. Die Basis ist das Minderwertigkeitsgefühl. Die Grandiosität soll diese beschämende und quälende Emotion ausgleichen.

Da die Betroffenen jedoch das rechte Maß nicht finden, schießen sie über das Ziel hinaus. Sie stellen ein Überwertigkeitsgefühl zur Schau, das jeder Grundlage entbehrt und natürlich oft harsche Kritik der Mitmenschen herausfordert. Dies wiederum stimuliert das Minderwertigkeitsgefühl. Der Kreislauf beginnt von vorn.

Diese extreme Form der Regulierung des Selbstwert-Erlebens ist natürlich pathologisch. Aber auch die meisten "normalen" Zeitgenossen haben in der Regel keine völlig stabile Selbstwert-Erfahrung. Jeder vergleicht sich hin und wieder mit anderen, die sich mehr leisten können, mehr erreicht, attraktivere Partner für sich gewonnen haben usw. Dies erzeugt nicht nur Neid, sondern auch Minderwertigkeitsgefühle.

Der Selbstwert ist ein Kontinuum zwischen Überwertigkeit und Minderwertigkeit. Und entlang diesem Kontinuum organisiert er das Spektrum der entsprechenden Gefühle: Depression, Mut- und Hoffnungslosigkeit, Neid, Zufriedenheit, Hoffnung, Optimismus, Euphorie. Es gibt kaum eine Stimmung, kaum eine Emotion, die nicht in einem offensichtlichen Zusammenhang mit der Selbstwert-Erfahrung stünde.

Es gehört zu den feststehenden Glaubenssätzen der Populärpsychologie, dass ausgeprägtes Selbstwert-Erleben Erfolg und Leistung begünstigt, wohingegen negatives Selbstwerterleben wahrscheinlich zu Sucht, Kriminalität, Aggression und anderen unerwünschten Verhaltensweisen führt. Diese Auffassung wird allerdings durch die empirische Forschung nicht bestätigt.

Die Selbstwert-Erfahrung wirkt sich jedoch nachweislich auf das Gefühlsleben aus: Je höher der Selbstwert, desto angenehmer ist das allgemeine Lebensgefühl. Außerdem fördert ein gutes Selbstwert-Erleben die Initiative (wodurch sich allerdings nicht zwangsläufig die Leistung in Beruf und Schule verbessert). Roy F. Baumeister von der Florida State University und seine Mitarbeiter haben die wissenschaftlichen Befunde zum Selbstwertgefühl in einem lesenwerten Aufsatz zusammengefasst (siehe meine Literaturempfehlungen).

Das Gefühlsklavier

Die Selbstwert-Erfahrung spielt also eine entscheidende Rolle im Gefühlshaushalt und beeinflusst demgemäß das Wohlbefinden. Daher prüfen Leser - bewusst oder meist unbewusst - jeden Satz, ob er einen Einfluss auf ihre Selbstwert-Erfahrung haben könnte.

Durch geschickte Manipulation des Selbstwerterlebens kann ein Autor aufeinander abgestimmte Gefühle auslösen und so den Leser zu Taten anspornen. Er kann ihm z. B. vor Augen führen, was andere Menschen in ähnlicher Lebenssituation besitzen, der Leser aber nicht. Doch dies ist natürlich eine Gradwanderung. Färbt ein Text das Selbstwerterleben zu stark negativ, blockiert der Leser, legt den Text beiseite oder sucht nach Gegenargumenten. Überschüttet der Text den Leser aber mit Lob und Anerkennung, dann versteht er dies vielleicht als unangemessene Schmeichelei und wird misstrauisch.

Vermutlich ist es klüger, die momentane Selbstwert-Erfahrung nicht zu beeinflussen. Die Frage: "Was hat sie nur, was ich nicht habe?" mag, geschickt in eine Story eingebaut, zwar zum Kauf eines Lippenstifts animieren - doch generell bewegt man sich mit solchen selbstwert-vermindernden Botschaften auf sehr dünnem Eis. Besser ist es, die Hoffnung auf eine Steigerung des Selbstwerts durch das Zielverhalten (z. B. Kauf eines Lippenstifts) zu stimulieren.

Emop: Inhalt

Psyteg: Inhalt


Literaturempfehlung

Baumeister, R. F. u. a. (2003). Does High Self-Esteem Cause Better Performance, Interpersonal Success, Happiness, or Healthier Lifestyles? Psychological Science, Vol 4, No. 1, May 2003

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