Mütter, Stimmen, Staaten

von Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch

Nachdem ein neugeborener Mensch seinen ersten Schrei getan hat, achtet er auf Stimmen. Von Anfang an bevorzugt er die mütterliche Stimme gegenüber anderen Stimmen. Dies ist nicht etwa angeboren, denn in den Genen, die vor Tausenden von Jahren entstanden, kann sich kein genetischer Abdruck der mütterlichen Stimme befinden. Der Säugling hatte vielmehr bereits im Mutterleib Gelegenheit, sich mit der mütterlichen Stimme vertraut zu machen.

Lange bevor wir sprechen und Sprache verstehen können, sind wir durch Stimmen mit der Welt verbunden. Stimmen beruhigen uns, Stimmen erregen uns, Stimmen summen uns in den Schlaf, Stimmen wecken uns auf, Stimmen schmeicheln sich ein, Stimmen schleichen sich in unsere Seele, nisten sich ein, verlassen uns nie mehr.

Die Macht der Worte

In der Hypnose wird die Macht der Stimme gleichsam unter Laborbedingungen demonstriert. Der Basisprozess der Hypnose ist die Dissoziation, die Spaltzung des Bewusstseins. Das Bewusstsein des Hypnotisierten spaltet sich in mehrere Ströme oder Kanäle. Ein Kanal ist exklusiv für die Stimme des Hypnotiseurs reserviert.

Ein Bewusstseinskanal ist nur auf die Stimme des Hypnotiseurs ausgerichtet. Die anderen Kanäle nehmen zwar wahr, was sonst noch geschieht, aber sie sind nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit. Dieser ist reserviert für den Kanal, durch den die Stimme des Hypnotiseurs strömt. Hypnose setzt die Bereitschaft beim Hypnotisierten voraus, einen Beusstseinskanal exklusiv für die Stimme des Hypnotiseurs zu öffnen.

Wenn ein Mensch gut hypnotisierbar ist und wenn der Hypnotiseur sein Handwerk versteht, dann ist diese Bereitschaft auch gegeben. Denn sich exklusiv der Stimme des Hypnotiseurs zu öffnen, wird als lustvoll erlebt, so wie der Neugeborene die Wahrnehmung der mütterlichen Stimme mit Lustgefühlen verbindet.

Ein dialogisches Wesen

Wir Menschen sind dialogische Wesen. Zwar sind die Fähigkeit und der Wunsch zum Spracherwerb angeboren. Doch wenn wir nicht in Austausch treten mit anderen Menschen, werden wir niemals sprechen lernen. Der Mensch wird häufig als "visuelles Wesen" bezeichnet, weil er den größten Teil der Informationen mit den Augen wahrnimmt. Doch dies ist nur eine quantitative Betrachtung. Achtet man auf die Qualität, so erkennt man schnell die herausgehobene Stellung des Ohres unter den Sinnesorganen. Sprache ist komprimierte und konzentrierte Bedeutung und ohne Begriffe haben alle anderen Wahnehmungen keinen Sinn. Der Sinn erschließt sich erst durch die Begriffe, die Sinneseindrücke miteinander verknüpfen.

Über Jahrzehntausende war die Menschheit darauf angewiesen, Sprache mit dem Ohr wahrzunehmen. Als sich dann die Schrift entwickelte, bekam das Auge wieder mehr zu tun. Doch beim Lesen ist das Auge nur der Sensor eines inneren akustischen Organs, des inneren Ohres, das einer inneren Stimme lauscht. Auch die Schrift ändert nichts Grundsätzliches daran, dass die Welt der Bedeutung die Welt des Klangs ist.

Gemeinschaft und Staat

Die menschliche Gemeinschaft ist also wesensgemäß eine Sprachgemeinschaft, eine Kommunikationsgemeinschaft. In den vorsprachlichen Urzeiten, im Übergangsfeld zwischen Mensch und Tier, fanden die Vormenschen durch Rituale zueinander. Diese Rituale sollten Kräfte bündeln, Ängste bannen, zu gemeinsamer Tat anspornen, Lust verschaffen. Sie waren mit immer wiederkehrenden Lauten verbunden und aus diesen regelhaften Lautäußerungen entwickelte sich die Sprache. Dank seines hoch entwickelten Nervensystems konnte der Vormensch die ritualisierten Laute aus der augenblicklichen Situation herauslösen und auf eine Vielzahl anderer Abläufe übertragen. Und so entstand der Mensch als kommunizierendes Gemeinschaftswesen.

Ursprünglich war diese Gemeinschaft begrenzt auf Menschen in räumlicher Nähe, die einander hören konnten. Die Rufweite definierte die Grenzen der Gemeinschaft. Doch Jagd, Sammeln und Forscherdrang machten es notwendig, dass Einzelne für eine begrenzte Zeit in die Welt hinauszogen, um Beute zu machen, Lebensmittel und Material zu suchen oder Informationen zu gewinnen. Damit diese Menschen nicht vergessen wurden, hinterließen sie Gegenstände ihres alltäglichen Umgangs: einen Stein, eine Schnitzarbeit oder andere Dinge, mit denen sie sich schmückten oder mit denen sie arbeiteten.

Diese Hinterlassenschaften repräsentierten also die Menschen, die für eine Weile fort, also nicht in Rufweite waren. Es war natürlich ein weiter Weg von dort bis zur Schrift, aber der dieser Samen fiel in fruchtbares Erdreich. Durch die Schrift konnten die Grenzen der Gemeinschaft über die Rufweite ausgedehnt werden. So wurden Riesenreiche möglich und Nationalstaaten, die, wie Sloterdijk zu recht bemerkt, von einem funktionierenden Postsystem abhingen.

Rundfunk und Fernsehen, Internet

Die Erfindung des Rundfunks belebte ein archaisches Moment in der Staatlichkeit. Durch ihn gerieten die Bürger wieder in Rufweite. Wenn Hitler durch den Volksempfänger jaulte, kreischte und brüllte, dann wirkte er auf das archaische Unbewusste seiner Zuhörer wie ein Stammesführer, der seine Stammesgenossen zum Kampf gegen einen umherschleichenden feindlichen Clan anstiftete.

Und dann erst das Fernsehen. Nun konnten die Stammesführer ihr Gefolge nicht nur mit der Stimme kontrollieren, sondern ihm auch Zeichen geben. Auf hohem technischen Niveau kehrte die Steinzeit zurück.

Was wird das Internet bringen? In Rundfunk und Fernsehen monopolisiert eine Elite die Kanäle; daher kommt dann auch die hypnotische Wirkung dieser Medien. Das Intenet hebt diese Monopole auf, bringt Menschen weltweit zusammen. Hier zeichnet sich eine Revolution ab. Vielleicht wird sie abgewürgt von den Mächtigen, bevor sie ausbrechen kann. Vielleicht ist sie aber auch nicht mehr aufzuhalten.

Über den Autor

Dr. Hans Ulrich Gresch ist Klinischer Psychologe, Arbeits-, Betriebs- und Organisations-Psychologe, Dr. rer. pol. (WiSo) mit Weiterbildung in BWL.

Er ist Berater, Trainer, Dozent, Autor und Ghostwriter (Text-Service).

Sie erreichen ihn unter Tel. 0911-9197442.

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Dipl.-Psych. Dr. Hans Ulrich Gresch